Standort am Jakobsweg

Die Pilgerkapelle liegt auf halbem Weg von Einsiedeln nach Schwyz. Kurz nach Alpthal SZ beginnt der Aufstieg auf die Haggenegg, bei dem 400 Höhenmeter auf einem Wanderweg in wechselvoller Landschaft zu bewältigen sind. Am höchsten Punkt des alten, historischen Passübergangs steht seit dem Jahr 1700 eine Kapelle, welche an jener Stelle errichtet wurde, wo damals ein altes Steinkreuz gefunden wurde.

 

Grandios ist der Standort der Kapelle in unmittelbarer Nähe zum Kleinen Mythen. Sie gehört zu einem Häuserensemble mit Gasthaus (mit Übernachtungs-möglichkeit) und Bauernhof. Der Blick weitet sich über den Talkessel, Lauerzersee und Rigi.

Die Haggenegg ist mit ihren 1414 Metern über Meer der höchstgelegene Punkt des Jakobsweges nördlich der Pyrenäen.

Von hier aus geht es 900 Meter bergab auf attraktiven Fusswegen in den Hauptort Schwyz mit der imposanten Pfarrkirche. Von dort ist es noch fünf Kilometer bis Brunnen, wo der Vierwaldstättersee überquert wird.

 

 
Haggenegg – ein alter Passübergang

Die Haggenegg ist für das Alte Land Schwyz (einer der drei Gründerstände der Eidgenossenschaft) ein bedeutender Übergang, schon seit dem Mittelalter. Sie ist die kürzeste Verbindung von Schwyz nach Einsiedeln und war ein wichtiger Saum-, Viehfahr- und Kirchweg von der Region Einsiedeln/Alpthal nach Schwyz-Brunnen und umgekehrt. Dass die Haggenegg auch ein bedeutender Pilgerweg war, zeigt die erstaunlich frühe Nennung (1483) einer Pilgerherberge. Sie spielte im sogenannten Marchenstreit, welcher unter anderem zur Gründung der Eidgenossenschaft beitrug, eine historisch wichtige Rolle.

Geschichte
Um 1700 erbaut

Die kleine Kapelle hatte lange Zeit eine unspektakuläre Geschichte. Sie war dem rauen Wetter ausgesetzt und hielt in seinen Grundfesten stand. Sie geht auf das Jahr 1700 zurück und wurde auf Veranlassung von Landammann Gilg Christoph Schorno (1668 – 1744) erbaut, weil an dieser Stelle ein altes Steinkreuz gefunden wurde. Das unvollständig erhaltene Kreuz aus Sandstein mit einer Höhe von
47 cm enthält auf dem Querbalken in gotischen Minuskeln die schwer lesbare Inschrift „uff hagec“.

Die Schriftart weist ins Mittelalter zurück, eine genaue Datierung ist jedoch nicht möglich. Der mögliche Zeitraum erstreckt sich vom 12. bis ins 16. Jahrhundert. Auch die Bedeutung ist nicht klar.

Möglich ist, dass es sich um ein Sühnekreuz handelt. Kapellen-Erbauer Schorno weist darauf hin, dass es ein Sühnekreuz sei, ohne dies jedoch näher zu begründen.

Ob in der Pilgerkapelle bei der Passhöhe (sie wurde von den Einheimischen bis vor 10 Jahren Passkapelle genannt) je Gottesdienste gehalten wurden, ist unklar. 

 

 
Bewegte neuere Geschichte

Am 24. Juni 1936 wurde das Oberforstamt des Kantons Schwyz beauftragt, im Einzugsgebiet des Nietenbachs eine Aufforstung und Entwässerung zu prüfen. Es sollte ein Staatswald gegründet werden. Doch daraus wurde vorerst nichts. Am 31. August 1958 liess ein grosses Unwetter den an der Haggenegg entspringenden Wildbach über die Ufer treten. Es verursachte grosse Schäden, vor allem in Seewen (Bahnhof, Eidg. Zeughaus). Der Zähmung des Nietenbaches kam nun höchste Priorität zu. Bereits ein Jahr später genehmigte der Regierungsrat ein entsprechendes Detailprojekt.

Am 10. August 1960 entschloss sich der Kanton, die Parzelle zu kaufen (Eigentumsübertrag am 27.5.1961). Mit dem Erwerb des heute als Staatswald bezeichneten Gebietes konnten die waldbaulichen Massnahmen (Aufforstung im oberen Einzugsgebiet des Nietenbachs) zügig umgesetzt werden. Erst 1978/79 wurde klar, dass damit auch die Kapelle in den Besitz des Kantons überging. 1979 entschloss sich die kantonale Denkmalpflege aufgrund von Vandalenakten, Altar (inkl. Altarbild), Statuen und Kreuz zu entfernen und im Staatsarchiv aufzubewahren. Das Altarbild ist inzwischen Bestandteil der Friedhofkapelle in Oberiberg.Auf dem Heimwesen Parzelle GB Nr. 57 Alpthal bestand das Servitut für den Unterhalt der kleinen Wegkapelle. Am 30. März 1983 entliess das Justizdepartement den grundlast-beschwerten Eigentümer aus der Unterhaltspflicht. Seit 1982 ist die Kapelle im Kantonalen Inventar der geschützten und schützenswerten Bauten und Objekte (Kigbo) aufgeführt.

Es wird darin als „einfachste Art einer Alpkapelle“ beschrieben, „für das steinerne Kreuz errichtet“, ein „längsrechteckiger Bau mit Satteldach und Holzründe“. Einstufung „lokal“, Gattung „sakral“. 

1987 verfügte der Regierungsrat den Abbruch der Kapelle. Sie sollte durch ein schlichtes Wegkreuz ersetzt werden. Im Vorfeld der Kantonsratswahlen 1988 unterbreitete die damalige Auto-Partei ein Kaufangebot von einem Franken. Sie sammelte Unterschriften für den Erhalt der Kapelle. Auch der Heimatschutz wehrte sich gegen den Abbruch. Aufgrund dieser Proteste erklärte sich die Regierung 1988 bereit, die Angelegenheit im Rahmen eines Augenscheines nochmals zu prüfen. Gleichzeitig wurden das Staatsarchiv und die Denkmalpflege beauftragt, den Fragenkomplex auf wissenschaftlicher Basis aufzuarbeiten (Gutachten Bischofberger). Meinungen pro und kontra Abbruch folgten sich in kurzen Abständen. Zahlreiche Zeitungsartikel und Leserbriefe zeugen von den hochgehenden Emotionen in der Bevölkerung.

Am 22. September 1989 stellte das Hochbauamt in einer „Studie Haggenegg-Kapelle, bauliche Instandstellungsarbeiten“ die Zielsetzung für die erforderlichen Massnahmen zusammen. Als Sofortmassnahme wurde im Januar 1990 das Gotteshaus provisorisch mit Plastik und Dachpappe abgedeckt. 

Hintergründe der Renovation

Danach wurde es für einige Jahre ruhig um die Kapelle am Passübergang. Das Vorhaben einer Restaurierung wurde nie konkret, die Sache dämmerte vor sich hin. Einige zaghafte Versuche zur Restaurierung blieben in der Anfangsphase stecken. So auch der Versuch des Schwyzer Heimatschutzes, der im September 2002 die Federführung für die vorgesehene Restauration des 300jährigen Gotteshauses übernahm. Die Pläne wurden wieder begraben, als eine rudimentäre Kostenschätzung Instandstellungs-Investitionen von 250 000 Franken ergab.

Die jetzige Initiative ging von alt Postverwalter Martin Fassbind, seinem Sohn Jürg und Franz Steinegger aus. Sie nahmen im Januar 2007 Kontakt zum Hochbauamt auf. Nach weiteren Gesprächen mit dem Kantonsforstamt sowie dem kantonalen Denkmalpfleger Markus Bamert gelangte die „Interessengemeinschaft Pilgerkapelle Haggenegg“ (die damals noch aus den drei genannten Personen bestand) im Schreiben vom 22.2.2007 an Baudirektor Lorenz Bösch, worin sie ihn bat, das Anliegen einer Restaurierung mit privater Trägerschaft zu prüfen. Es zeigte sich, dass die Verantwortlichen des Kantons froh darüber waren, dass nun Private die Initiative an sich rissen. 

Nach einer positiven Rückmeldung wurde das schliesslich ausgeführte Detailprojekt von Alfred Suter (BSS-Architekten, Schwyz) ausgearbeitet und begleitet. Am 1. April 2008 wurde die „Stiftung Pilgerkapelle Haggenegg“ gegründet und der damalige CVP-Nationalrat Reto Wehrli zum Präsidenten des Stiftungsrates gewählt.

Am 27. Januar 2009 hat der Regierungsrat dem Gesuch des Stiftungsrates in den wesentlichen Punkten entsprochen. Der Stiftung wird eine 200 Quadratmeter grosse Parzelle mit der Kapelle unentgeltlich abgetreten, sie erhält Fr. 250 000.- aus dem Lotteriefonds und die Denkmalpflege begleitete die Restaurierung. Im Februar 2009 erfolgte die öffentliche Ausschreibung im Amtsblatt, im Verlauf des Sommers 2009 wurde die Kapelle restauriert.

Die Ausführung erfolgte durch einheimische Spezialisten, welche mit den ursprünglichen Materialien umgehen konnten. Zudem wurde eine Bodenplatte eingegossen, damit die Kapelle auf dem Rutschgebiet sicher steht. Nach der Winterpause wurden im Frühling 2010 die Abschlussarbeiten und die Umgebungsarbeiten besucherfreundlich ausgestattet und der Glockenturm mit Glocke Aarau hergestellt und aufgebaut. 

Geniessen Sie die Ruhe und die schöne Aussicht auf die Landschaft der Urschweiz. Die Pilgerkapelle Haggenegg ist zu einem Edelstein geworden, der alle Besucher und Sinnsucher herzlich willkommen heisst.

Schwyz, 6. August 2010, ste.

 

Pilgerkapelle im Schwyzer Heft

Schwyzer Heft Nr. 98 "Die Haggenegg, ein historisch bedeutender Passübergang zwischen Einsiedeln und Schwyz". Herausgegeben von der Kulturkommission des Kantons Schwyz, 2012. ISBN: 978-3-909102-60-0

Das 110 Seiten umfassende Heft wurde auf die Eröffnung der neu restaurierten Pilgerkapelle auf der Haggenegg herausgegeben und nimmt Bezug auf diese. Ausgewiesene Fachpersonen beleuchten darin die Bedeutung des Passübergangs. Er stand an der Wiege der Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenchaft 1291 und beleuchtet im Kapitel "Einsiedler Marchenstreit" das Verhältnis des säkularen Standes Schwyz (einer der drei Urkantone der Schweiz) mit dem klerikalen Kloster Einsiedeln. Johann Wolfgang von Goethe kommt ausführlich zu Wort (er überschritt den Übergang zwei Mal) und es wird beschrieben, wieso Schiller dann (auf Anraten Goethes) den Willhelm Tell inszenierte. Selbst die Kelten, Bruder Klaus und Napoleons Armee hinterliessen ihre Spuren auf dem Haggen.

 

Inhaltsverzeichnis:

- Ein bedeutender Pass im historischen Wegnetz des Kantons Schwyz

- Der Weg über die Haggenegg

- Über den Haggen nach Compostela

- Religiöse Wegbegleiter zwischen Berg und Tal

- Die Passkapelle Haggenegg

- Pilgerheilige am Schwyzer Jakobsweg

- Der Einsiedler Marchenstreit

- Das Einsiedler Gnadenbild auf der Haggenegg

- Das Bautenensemble auf der Haggenegg

- Alte Flurnamen rund um den Haggen

- Der Haggen - ein sagenumwobenes Gebiet

- Berühmte Wanderer auf der Haggenegg

 

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Kapelle und Glockenturm

Das Innere lädt zu Ruhe und Innehalten ein. Es ist schlicht gehalten. Im Zentrum steht das steinerne Kreuz, auf welches jeweils am Jakobstag (sowie an den Vor- und Nachtagen) um 13.30 Uhr der Strahl der Sonne durch eine Dachluke fällt. Eine Sitzbank aus Eichenholz lädt zum Verweilen und Beten.  Es liegen eine Bibel und ein Sorgen-/Wunschbuch auf und es können Kerzen angezündet werden. Auch Muschel und Pilgerstempel fehlen nicht. Die Kapelle ist in der schneefreien Zeit rund um die Uhr zugänglich. Im Winter bleibt sie geschlossen.

 

 

Der neue Glockenturm ist sowohl in der Form wie in der Herstellung ein Unikat, das es so nirgends anderswo gibt. Er besteht zu 57 Teilen aus Kupfer, 40 Teilen aus Zink sowie Mangan und Eisen. Die Zusammensetzung nennt man Baubronze. Der Turm weist als Grundriss ein Kreuzprofil auf. Für die Herstellung musste die Aarauer Glockengiessfirma Rüetschi eine eigene Technik entwickeln. Die Glocke wurde am 24. März 2010 gegossen. Sie besteht aus Bronze (79 Prozent Kupfer und 21 Prozent Zinn) und ist auf den Ton Cis gestimmt. An ihrem inneren Rand steht die Aufschrift „Ultreia – Der Weg ist das Ziel – Iter para tutum – 2010 A.D.“ Ultreia heisst „weiter, vorwärts“ und ist ein uralter Gruss der Jakobspilger. Iter para tutum heisst „bereite uns einen sicheren Weg“ und ist eine Bitte an Maria, mit dem angedeutet wird, dass die Schwarze Madonna von Einsiedeln in der Franzosenzeit (ab 1798) in der Nähe der Pilgerkapelle versteckt wurde.

 

Die Einsegnung der Pilgerkapelle erfolgte am Jakobstag, 25. Juli 2010 durch Domdekan Walter Niederberger, Chur und den Schwyzer Pfarrer Reto Müller. Über 200 Personen nahmen an der hl. Messe in der in den 1920er-Jahren erbauten Kapelle Haggenegg teil. Danach erfolgte die Einsegnung der restaurierten Kapelle, die sich etwa 300 Meter davon direkt am Passübergang befindet.

 

 
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